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Der lange Weg nach Nukus

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Donnerstag, 21. März 2019

Gegen halb acht klingelt mein Wecker, ich bin so gar nicht in der Laune mir Urgench noch anzusehen, da die Stadt nicht wirklich viel zu bieten hat und auch im Plan nur für den Zug vorgesehen war, mache ich mich fertig und gehe zum Frühstück. 

Das Buffet ist auf dem eigenen Tisch aufgebaut, mein Name wird noch auf einer Liste abgehakt. Ich werde noch auf usbekisch nach Extrawünschen gefragt und mir eine Tafel gezeigt, ich entscheide mich für Saft und Pancakes. Kaffee werde ich erst wieder zuhause trinken. Es ist gut mal eine Zeit lang abstand davon zu haben. 

Ein kleines Highlight für mich sind die zwei Sorten Kaviar, so ist es das erste Mal für mich, diesen zu essen. Geschmacklich doch interessant und ungewohnt, jeden Tag brauche ich das jetzt nicht. Es ist reichhaltig und eigentlich alles da was man zum glücklich werden braucht. 

Nach dem Frühstück gehe ich zurück aufs Zimmer und hole meine Sachen. Beim Checkout bezahlte ich in Bar. Als Kurs wird überwiegend 1$ = 8.400 So’m verwendet. Auch hier kommt wieder eine Tourismussteuer in Höhe von rund 2,50€ hinzu. 

Ich lasse mir noch ein Taxi rufen — es soll in fünf Minuten kommen. Ich warte dann mal draußen. Etwas frische Luft schadet nie. Vor dem Eingang ist ein schicker Neuwagen geparkt, der Besitzer verstaut Bündelweise Geld im Handschuhfach. Er fragt mich was auf usbekisch. Schwer zu verstehen, ich sagte, dass ich auf ein Taxi warte. Zum Bahnhof. Gut, dass Wort kann ich inzwischen. Vokzal. Er deutet mir an meine Sachen einzuladen und mich hinzubringen. Sehr freundlich. Auf der Fahrt erzählt er, er sei der Manager des Hotels, ein anderer als der Gestrige. Fragt mich wie es mir gefallen hat. Nach fünf Minuten sind wir am Ziel, ich bedanke mich für die Fahrt und gehe durch die Kontrolle. 

Warum sehen die auch alle gleich aus?

Ich hab vergessen vorher online zu schauen, wann der Zug in Urgench ankommt. Mit dem internationalen Fernzug Nr. 324 geht’s heute zu meiner letzten Station dieser Rundreise. Dieses Mal habe ich ein Ticket der zweiten Klasse. Nach der üblichen Kontrolle des Gepäcks wird noch mein Ticket auf der Rückseite abgestempelt. Im Kiosk kaufe ich noch zwei Liter Wasser (je 2.000 So’m). Ich schaue noch kurz auf die Tafel, welche nicht gerade aussagekräftig ist und mache mich dann mit meinen Rucksäcken zu den Zügen. Der vordere fährt nach Khiva, also könnte es der zweite sein. Ich frage nach, so stehe ich an Wagen 17 und werde ans andere Ende geschickt. Gebucht habe ich Wagen Nr. 5. Als ich online buchte war dies der einzig verfügbare Wagen (nachdem ich eine Woche zuvor schon ein Ticket für die 3. Klasse gekauft hatte, die Kosten hierfür schreibe ich unter Entwicklungshilfen ab). Mich kostete das Ticket mit Gebühren und Reservierung knapp acht Euro. Für die Dauer der Fahrt ein Witz. Fünf Stunden werde ich mich durch die usbekische Landschaft fahren lassen. Die Alternative war ein Shared-Taxi für rund 5-8€. 

Auch wenn ich kein Fan vom Zugfahren bin, bin ich noch weniger ein Fan von langen Taxi Fahrten mit Wenig bis keinem Platz. Ich habe schließlich Zeit und Zugfahren in der Fremde kann ein Abenteuer für sich sein.  

Ich werde freundlich begrüßt, Pass und Ticket nochmal kontrolliert, irgendwie ist jeder begeistert einen deutschen Pass zu sehen. Ich werde ans Ende des Wagen geschickt. Es ist doch kompliziert in diesem kleinen Viererabteil Gepäck von alle zu verstauen, manche reisen mit ihrem kompletten Besitz, und das meine ich nicht scherzhaft. Ich sage Hallo und deute auf das untere Bett. Meine Abteilgenossen verstauen gerade ihre Sachen unter den Betten bzw. In der oberen Ablage, mein großer Rucksack wird auch oben verstaut. Zunächst sitzen wir alle unten, bis der Schaffner kommt und mich nochmal fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich lächle und bedanke mich. 

Im nächsten Gang kommt er mit dem Bettzeug rum. Okay, auch wenn ich nicht schlafen möchte, beziehe ich die Liege mit dem Laken. 

Wir fahren zunächst Richtung Osten, denn Xhiva und Urgench liegen auf einer Nebenstrecke, gegen zwölf kommt eine ältere Dame vorbei, fragt mich etwas auf russisch. So gut bin ich dann doch nicht darin. Es geht um’s Essen. Eigentlich habe ich keinen Hunger und versuche ihr anzudeuten, später essen zu wollen. Das ist dann doch nicht so leicht. Plov? Plov. Okay nehm ich. Sie strahlt und verschwindet wieder. Nach guten 30 Minuten kommt sie mit zwei Schüsseln auf dem Tablett zurück, ich nehme an es waren mehr. 

Plov ist im Zug nicht zu empfehlen, es handelt sich hierbei nicht um das traditionelle Gericht

Ich frage nach dem Preis, sie fängt an all ihr Englisch zu verwenden und bis „fifteen“ hochzuzählen. 15.000 So’m ist ein sehr fairer Preis. Ich bin immer noch am überlegen, wie ich die verbleibenden Millionen verwende. Vielleicht gibt es noch etwas nettes in Nukus zu kaufen? Ich habe ca. 400.000 So’m mehr als ich noch benötige. 

Wir ruckeln und tuckeln durch die Landschaft, nach rund anderthalb Stunden erreichen wir den ersten Halt und die Lok wird vorne abgehängt und nach hinten gefahren. Einen Richtungswechsel gab es aber nicht, als wir nach zwanzig Minuten unsere Fahrt auf der Haupteisenbahnstrecke fortsetzten. 

Das Plov war sehr lecker, und ehe ich mich versehen kann ist sie wieder da und nimmt die Tasse von einem der Jungs und kommt mit Tee zurück, für mich. Er lacht nur. Heißes Wasser tötet die Bakterien schon ab. Am Anfang jeden Wagens ist ein Wasserboiler. Wie ich auf der letzten Fahrt gesehen habe zwischen 90 und 100 Grad laut der Skala, sofern sie richtig funktionierte. 

Mein neuer Freund deutet mir an, dass er essen möchte. Er klettert vom oberen Bett hinunter und gibt mir zu verstehen, dass sein Essen unter der Bank ist. Alles klar, ich rücke zum Gang, der Tisch ist nur am Fenster. Die Usbeken sind wirklich ein sehr offenherziges und freundliches Volk, auch wenn man sich sprachlich nicht versteht, irgendwie kommt man auch zurecht. Er bietet mir auch was von seinen Teigtaschen und dem leckeren Brot an. Ein Lächeln sagt mehr als tausend Worte. 

Heute ist übrigens Nationaler Feiertag in Usbekistan, das Navroz. Wir tauschen wieder die Plätze und ich nutze die verbleibenden Stunden für den Reisebericht. Die Landschaft wechselt immer mal wieder. Zwischendurch bleiben wir mal kurz auf der Strecke stehen. Rund zwanzig Minuten warten wir und warten… Die Strecke scheint überwiegend einspurig zu sein und es ist ein Zug in Gegenrichtung unterwegs. 

Die Abteiltür steht dauerhaft offen — so erlebt man wenigstens etwas mehr. Stetig kommen fliegende Händler durch die Wagen, einer mit geräuchertem Fisch, der nächste mit Zigaretten, Nüsse oder sogar welche mit Schmuck und Badelatschen. Manch einer kommt auch ins Abteil, neugierig sind sie doch alle irgendwie, „Wer bist du?“ und „Woher kommst du?“ sind die häufigsten Fragen. Es ist scheint doch eine Seltenheit zu sein, einen Westler in einem solchen Zug anzutreffen. Immerhin wollte heute noch keiner ein Bild machen. 

Bis Nukus sind es noch rund 80 Kilometer, die wir quasi im Schneckentempo entlang rollen. Irgendwann bin ich von dem mit den Fischen genervt, jedes mal stinkt es, so lecker kann der jetzt auch nicht mehr sein. 

Im Schneckentempo durch die Steppen Usbekistans

Etwa 30km vor Nukus stoppen wir nochmal gute 20 Minuten, ein Güterzug kommt entgegen, pünktlich kommen wir jetzt nicht mehr an, aber der Zug soll einen Aufenthalt von gut 40 Minuten in Nukus haben. Ein paar Kilometer vorher kommt der Zugbegleiter zu mir, und deutet darauf, dass ich das Bett abziehe und ihm die Sachen gebe. 

Er bringt mir noch das Ticket, ich packe zusammen, nehme den Rucksack aus der Ablage und stehe kurz vor dem Bahnhof auf. 

Gegen 16:55 Uhr sind wir dann am Bahnhof von Nukus. Hiermit endet auch die letzte Zugfahrt in Usbekistan. Alle drei Fahrten konnten unterschiedlicher nicht sein, die kurze Fahrt im Großraumschlafwagen bleibt wohl noch lange in Erinnerung. Gastfreundlich waren alle meine Mitreisenden, es wurde immer etwas zu essen angeboten, was ich sehr erfreut mit einem Spasibo angenommen habe. Am Bahnhof nehme ich mir ein Taxi zum Hotel. Er möchte lediglich 15.000 So’m für die gut fünf Kilometer kurze Strecke. Desto weiter ich von Tashkent entfernt bin, desto günstiger werden die Taxis. Auch wenn’s nicht unbedingt „echte“ Taxis sind. 

Vor dem Hotel findet gerade das Navroz statt, heute ist Neujahr in Usbekistan wie mir erzählt wurde. Im Hotel werde ich erstmal verwundert angeschaut, ja ich habe eine Reservierung. Dann erinnert er sich. Ich bekomme Schlüssel 504. Er sagt mir noch die Zeiten für’s Frühstück und möchte wissen, wann ich morgen losfahren möchte. Gegen 9 klingt für mich in Ordnung bei 3 Stunden Fahrt wäre ich also passend zum Mittag am Ziel. 

Aufführung eines traditionellen Tanzes

Um das finanzielle kümmere ich mich dann beim Check-Out. 

Das Zimmer liegt im fünften Stockwerk, die Aussicht ist über den Fluss auf die Stadt, unten auf dem Platz sehe ich noch dem Spektakel zu und mache ein paar Aufnahmen. 

Wie anstrengend eine lange Zugfahrt sein kann merke ich bereits und entschließe mich dazu, heute nichts großes mehr zu machen. Da Nukus auch eine Stadt der Neuzeit ist, gibt es innerhalb der Stadt kaum historische Bauten und Denkmäler zu sehen, sie wurde erst 1930 gegründet. Etwa 20km außerhalb der Stadt sind alte Mausoleen und Festungsanlagen aus dem 9. und 12. Jahrhundert, vielleicht komme ich dort morgen auch vorbei, andernfalls werde ich meinen morgigen Guide für eine Tour am Samstag fragen.